Einige Eindrücke meines einmonatigen Berlin-Aufenthalts

Vom 23.9.-22.10.2022 verbrachte ich dank eines Dienstaltersurlaubs in Berlin. Für alle, die vielleicht auch einmal planen, die Stadt zu besuchen, möchte ich hier zusammenfassen, was mir aus (nicht nur bibliothekarischer) Sicht sehenswert scheint und nicht unbedingt zum gängigen Berlin-Programm gehört. Ausführlich habe ich die Berliner Museen besucht, besonders gefallen haben mir folgende:

Haus des Papiers: Alexandra Hendrikoff, Yang Tao, 2021. Wespenpapier, Transparentpapier, Strohseide, Samen, Weizenkleister

Das «Haus des Papiers» stellt seit Mai 2021 faszinierende Kunst-Objekte aus Papier in wechselnden Ausstellungen aus. Es gibt einen Audio-Guide, der einem die einzelnen Werke erklärt. Wer auf dem Laufenden bleiben will, kann dem Museum z.B. auf Instagram folgen.

Disgusting Food Museum: Casu Marzu, Sardinia, Italy. Ein ganzer Pecorino-Käse wird aufgeschnitten und im Freien gelassen, damit die Käsefliegen dort ihre Eier ablegen. Die Madenenzyme zersetzen die Fette des Käses. Der weichkäseähnliche Kot der Maden wird zum Bestandteil von Casu Marzu.

Wer den Käse isst, muss seine Augen vor springenden Maden schützen. Der Verzehr lebender Maden kann gesundheitsschädlich sein, da diese im Inneren des Menschen überleben und Löcher in die Darmwand bohren können. Der Käse ist in der ganzen EU verboten.

Das ebenfalls seit Mai 2021 bestehende Disgusting Food Museum hat mich positiv überrascht. Es bietet auf überschaubarem Raum ein obskures Panoptikum an ausgefallenen Speisen, die aus irgend einem Grund als eklig angesehen werden können. Lohnenswert scheint mir der Besuch vor allem deswegen, weil er hilft, Vorurteile gegenüber anderen Kulturen abzubauen.

Im Anschluss an den Besuch darf man ausgewählte «eklige» Speisen degustieren. Überraschend fand ich, dass mir eigentlich nichts davon schlecht geschmeckt hat (inklusive gerösteter Heuschrecken und Junikäfer). Einen guten Eindruck des Museums vermittelt der Podcast-Beitrag vom 18.2.2022 «Zu Besuch im Disgusting Food Museum Berlin» vom Kulturkaufhaus Dussmann.

Das Buchstabenmuseum befindet sich unter einer Eisenbahn-Hochbrücke. Bei jeder Zugsdurchfahrt vibriert das ganze Museum, ständige Geräuschkulisse ist das leise Surren der Nenonröhren. Es stellt ausrangierte Reklamebuchstaben aus. Das Museum sammelt und konserviert solche abmontierten Schriftzüge aus ganz Berlin.

Eindrücklich fand ich den Lesesaal der Staatsbibliothek unter den Linden, für den man am Eingang auf Wunsch ein halbstündiges Besucherticket verlangen kann. Es gibt in der Stabi neben der noch bis zum 2.11.2022 zu sehenden E.T.A. Hoffmann-Ausstellung auch eine ständige Ausstellung inklusive Tresorraum im Untergeschoss, wo unter anderem die 42zeilige Gutenbergbibel zu bewundern ist.

Rundgang E.T.A. Hoffmann der Stabi Berlin, Station 4: Königliche Bibliothek, Bebelplatz

Garderobe von Anna Seghers inklusive Karl Marx-Werkausgabe

Lohnenswert finde ich auch den Ausflug ins Anna Seghers-Museum. Ingeborg Fries hat mich dort ohne Voranmeldung ausführlich durch die ehemalige Wohnung von Anna Seghers geführt und mir die imposante Bibliothek gezeigt (ca. 8’000 Bände, doppelreihig aufgestellt).

Einen Besuch wert sind auch die Berliner Kinos, besonders gefallen haben mir das Kino International, das Babylon, das noch über eine Orgel zur Begleitung von Stummfilmen verfügt und der Delphi Filmpalast. «Liebe, D-Mark und Tod», gesehen im kleinen und alternativen Lichtblick-Kino, der von türkischen Immigranten und ihrer Musik handelt finde ich uneingeschränkt lohnend und empfehlenswert:

Viel gesehen und gelernt habe ich auf zwei geführten Babylon-Berlin Touren. Der Autor des Berlin-Buches «Fassadengeflüster», Arne Krasting hat uns neben der ehemaligen Wohnung von Asta Nielsen, die heute ein Hotel ist die wichtigsten Drehorte der Fernsehserie Babylon Berlin und der Volker Kutscher-Krimis gezeigt. Interessant war u.a., wie der reale Alexanderplatz für die Dreharbeiten in die Zeit um 1930 zurückversetzt wurde. Arne Krasting betreibt auch den hörenswerten Zwanziger Jahre-Podcast «Goldstaub».

Stellvertretend für die vielfältigen Berliner Buchhandlungen, hier ein Foto der Queer-Abteilung im Kulturkaufhaus Dussmann

30 Millionen Präparate beherbergt das Museum für Naturkunde Berlin. Teile davon sind in Flüssigkeit konserviert und in einem der weltweit modernsten Sammlungsgebäude zugänglich, den Nass-Sammmlungen. Eine Million Präparate in 80 Tonnen Alkohol reihen sich hier in 233’000 Gläsern auf Regalen von insgesamt 12.6 km Länge

Das Museum für Naturkunde (vor allem bekannt wegen der ausgestellten Dinosaurier-Skelette) beherbergt unter dem Titel «Archive des Lebens» ein riesiges begehbares Archiv mit Nasspräparaten.

Von meinen Veranstaltungs-Besuchen besonders in Erinnerung geblieben ist mir die sympathische Vorstellung des neuen Comics «Hundeblick Berlin» der Kinderbuchzeichnerin Nadia Budde in der Kulturbrauerei vom 12.10.2022. Die Berlinerin beschreibt darin anschaulich die Sicht auf Berlin aus Hundeperspektive inklusive Gerüche und auf der Strasse liegengebliebener Handschuhe.

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1 Response to Einige Eindrücke meines einmonatigen Berlin-Aufenthalts

  1. Heike Baller sagt:

    Das Naturkundemuseum hat auch einen hörenswerten Podacast: Beats and Bones https://beats-and-bones.podigee.io/

    Die Stabi Unter den Linden fand ich auch grandios, als ich im Frühsommer dort war. Aber auch das Gebäude an der Potsdamer Straße ist sehenswert – auf eina andere Art historisch.

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