Kuratieren

Joachim Güntner beschäftigt sich in der NZZ unter dem Titel „Heute schon kuratiert?“ mit dem in letzter Zeit häufiger zu lesenden Wort „kuratieren“:

„Der Triumphator triumphatiert, der Moderator moderatiert, der Redaktor redaktiert. Nein? Aber Kuratoren kuratieren, das steht fest. (…) Es komme jetzt keiner und sage, das sei schlechtes Deutsch. Mit der Grammatik hat man noch nie erfolgreich Neologismen bekämpft. (…) In der NZZ wurde das neue Verb erstmals 1996 erwähnt oder besser aufgespiesst.“

Er holt dann Zedlers „Universal-Lexikon“ aus dem Jahr 1733 hervor und liefert eine Definition:

„Kuratoren kannten schon die Römer, und zwar in grosser Zahl und Zuständigkeit. Unter Kaiser Augustus waren es mit Machtfülle ausgestattete Aufsichtsbeamte, denen das Regiment über Wege und Landstrassen übertragen war und die sich darum kümmerten, dass der Tiber nicht verdreckte. Auch mit Erhaltung und Ausbesserung der Wasserleitungen, Brücken, Tore, Mauern waren curatores beauftragt. Ihnen oblag die Kontrolle aller öffentlichen Gebäude, namentlich der Tempel, Gerichte und Theater. Curatores überwachten Versteigerungen und vertraten Dritte in Rechtsangelegenheiten. (…) Dem voran stellt Zedler den Hinweis auf den Curator als Vormund, «der eines in die Pubertät getretenen Jünglings Güter und Geschäfte zu administrieren auf sich nimmt».

Heute hat sich die Bedeutung gewandelt:

„Ausstellungsmacher beginnen, «Kuratoren» zu heissen. Jedes Museum, das auf sich hält, hat einen solchen. Seitdem bedeutet «kuratieren», Dinge auszuwählen, um sie zu exponieren und zu bewahren.“

Und er schliesst mit der Bemerkung:

„Die chaotische Fülle des Netzes ruft nach Pflege (cura) und Sortierung. Wer sein Leben in der analogen Welt nicht in den Griff bekommt, kann es zumindest mittels «Timeline» auf Facebook «kuratieren». Analoges gilt für Smartphone-Fotografen und ihre Selfies auf Instagram. Wir können nur jedem raten, seine Bedürfnisse und Sorgen künftig nicht mehr einfach nur zu «pflegen». Sie zu kuratieren, ist zeitgemässer und hört sich einfach schicker an.“

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1 Response to Kuratieren

  1. Danke! Die inflationäre Verwendung war mir auch aufgefallen.

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