Untergrabung von Resonanzpotenzial

Hartmut Rosa erklärt im Stifterverband-Youtube-Video „Wider den ewigen Steigerungszwang“ zum Thema „Lässt uns Technik keine Ruhe mehr?“ ab Minute 6:13-7:47 die Vorteile von Schallplatten beim Musik-Hören:

„Tatsächlich ist es so, dass zuviel Technik diese Resonanzbeziehung untergräbt. Mein Lieblingbeispiel dafür ist Musik. Ganz viele Menschen kennen das noch, dass sie nach den richtigen Schallplatten oder CDs fahnden, die sie dann nach Hause tragen und ins Regal stellen in der Hoffnung, dass diese Symphonie oder diese Rock-CD sie wirklich berührt und bewegt. Und wenn sie z.B. so einen Dienst nehmen wie Spotify, da brauchen Sie nicht mehr nach irgendwas Einzelnem zu suchen, weil sie zahlen neun Euro oder so im Monat und dann haben sie zwei Millionen Titel zur Verfügung. Das ist das Maximum an Weltreichweite, das sie ereichen können in musikalischer Hinsicht.

Aber die Tatsache, dass Sie plötzlich zwei Millionen Titel völlig beliebig in Reichweite haben, verbessert nicht die Beziehung, die sie dazu haben. Ich würde sagen, das untergräbt sogar die Wahrscheinlichkeit, dass sich da so etwas wie eine Resonanzbeziehung entwickelt. Warum ist das so? Weil die Anverwandlung eines Musikstücks, sei das eine Wagner-Oper oder eine Brahms-Symphonie oder ein Album von Pink Floyd zeitintensiv ist. Man muss sich darauf einlassen. Man muss das mehrmals hören. Genau genommen, der Hörgenuss stellt sich ja erst da ein, wo ich das auch schon antizipierend mithöre. Das heisst, die Resonanzachse bildet sich erst mit einer gewissen Zeitdauer heraus. Und wenn ich zwei Millionen Titel jederzeit zur Verfügung habe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich einem davon so lange Zeitdauer einräume, relativ gering, so dass ich sagen würde: Ja, die Durchtechnisierung der Welt birgt mindestens die Gefahr der Untergrabung von Resonanzpotenzial.“

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