Vinylplatten haben nun denselben kulturellen Status wie Bücher

In der Süddeutschen Zeitung gibt es unter dem Titel «Und sie dreht sich doch» einen lesenwerten Artikel zum Thema «Rückkehr der Vinyl-Schallplatte» von Andrian Kreye. Er geht u.a. auch auf die Bedeutung der Schallplatte in Bibliotheks-Sammlungen ein (via Blendle, bis jetzt nicht online):

«Die Sammlerpreise für Original-LPs sind so gestiegen, dass man schon von „schwarzem Gold“ spricht. Ähnlich steht es mit der Nachfrage nach neuen Platten. Weswegen Presswerke in aller Welt weit über Kapazität ausgebucht sind. (…)

In der Fotogalerie C/O Berlin ist derzeit die furiose Ausstellung „Total Records“ zu sehen, in der die Kunstgeschichte der Schallplattencover aufgerollt wird. Es gibt sogar einen weltweiten Feiertag für Plattenläden, den „Record Store Day“ (in diesem Jahr am 22. April). (…)

Die Bibliothekare der akademischen Welt, die sich sonst um den Erhalt historischer Bücher kümmern, haben in den letzten Jahren erkannt, wie wertvoll Vinyl-Sammlungen sind. Einen ersten Versuch, das Erbe der DJs zu verarbeiten, gibt es schon. Die Abteilung für seltene Bücher und Manuskripte an der Cornell University in Ithaca, New York, bekam vor vier Jahren die Sammlung von Afrika Bambaataa, dem zweiten DJ im Triumvirat der Hip-Hop-Pioniere. Der benutzte schon früh digitale Steuergeräte und bewahrte seine Platten in mehreren Lagerräumen auf. Die Dozentin für Buch-Geschichte Katherine Reagan und der Kurator Ben Ortiz kümmern sich heute darum. Sie haben an der Cornell das Hip Hop Archive gegründet, das vor allem die Frühgeschichte jener Kultur erforschen soll, zu der neben der Musik eben auch Tanz und Kunst gehören. Bambaataas Sammlung war für sie „der perfekte Fund“. Nachdem sie schon Konvolute des Popkultur-Sammlers Johan Kugelberg und des ehemaligen Sprechers des Hip-Hop-Labels Def Jam, Bill Adler, bekommen hatten, waren die gut 20 000 Platten des ehemaligen Gang-Leaders und DJs Afrika Bambaataa die erste Sammlung, die einen Grundstock des frühen Hip-Hop bildete.

Nicht nur das. Bambaataa lieferte auch noch kistenweise Referenzmaterial, Plakate, Flyer, Fotos und Notizbücher. Dazu kamen die Anmerkungen, die er auf die Cover der Platten kritzelte. Noch steht die Arbeit von Katherine Reagan und Ben Ortiz am Anfang. Zweieinhalb Lastwagenladungen mit 500 Kartons lagern derzeit in den Räumen der Cornell University Hip Hop Collection. Vier Bibliothekare sind vollzeitig damit beschäftigt, das Material zu sichten und zu katalogisieren. „Zwei Jahre“, sagen die beiden, wird die Arbeit dauern, bis die Sammlung akademisch korrekt aufgearbeitet ist und einen Fundus für die Erforschung des frühen Hip-Hop bilden wird.

Das Projekt der Cornell University ist Vorbild. Die Yale University hat neulich die Plattensammlung von Danny Fields gekauft, der als Manager für Bands wie MC5, die Stooges und die Ramones so etwas wie der Geburtshelfer des Punk war. An der Harvard University hat der Kulturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr. das Hip Hop Archive and Research Institute gegründet, das gerade daran arbeitet, einen Kanon klassischer Vinyl-Alben zu erstellen. (…)

Kein Zweifel, Vinylplatten haben nun denselben kulturellen Status wie Bücher. Sie sind Artefakte, die Geschichte transportieren. Einen Unterschied gibt es zu den Büchern allerdings. Bücher kann man studieren und analysieren. Auch Musik kann man sammeln, erforschen, kanonisieren. Will man sie aber wirklich verstehen, muss man sie spüren.»

Dieser Beitrag wurde unter Tondokumente abgelegt und mit verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.